Eigentlich will ich nicht fliegen an diesem Tag. Der Wetterbericht sagt Schauerwetter mit heftigen Winden voraus. Also nehme ich mir Wartungs- und Pflegearbeiten vor. Bei offenem Hallentor hantiere ich über Mittag an meinem Vogel.
So gegen 1400 reißt die Wolkendecke auf. Bei 6/8 Bedeckung lockt die Sonne.
Der Wind? Na ja, dem Windsack nach 10-12 kt aus SW, also ziemlich quer zur Bahn, aber beherrschbar. Sollte ich vielleicht doch?
Schrittweise aber mit großer Macht reift der Entschluss, das unerwartet schöne Wetter zu nutzen. Kennt Ihr diese erst leise und dann stark zunehmende Begeisterung? Dieses freudige Wollen?
Notams: alles ok. Wettercheck über PC-Met: Wind aus 240-270 mit 10-15 kt, in Böen 22 kt, Schauertägigkeit mäßig. Ok, damit komme ich klar.Gegend bekannt, Flymap vorhanden, Flugzeit eine gute Stunde, also los.
Ich unternehme einen schönen Flug Richtung Süden, rund um Kassel und dann über HannMü und durchs Wesertal zurück Richtung Heimatplatz.Die Wolkenuntergrenze ermöglicht mir tiefes aber sicheres Fliegen, die bodennahen Turbulenzen schütteln mich durch, na und? Die Sicht ist hervorragend und es gibt nur wenige, lokal begrenzte Schauer, die leicht zu durchfliegen oder zu umfliegen sind.
Etwa 20 km vor dem Heimatplatz sehe ich, wie sich ein größerer Schauer dem Platzbereich nähert. Schon wird die Sicht in diesem Bereich deutlich schlechter. Als ich in der Platzrunde ankomme, fängt es gerade an, richtig abzuladen. Die Sicht im Regen beträgt noch ca. 5 km, in bekannter Gegend also völlig ausreichend. Allerdings ist der Wind recht heftig. Ich wage einen Anflug, bekomme aber im Final bis zu 24 kt 70 Grad von vorn links. Das ist zu heftig. Ich breche ab und verziehe mich ein paar km weiter nach Norden, wo es trocken ist, und warte ab.
Der Schauer ist recht ausgedehnt. Der Flugleiter gibt durch,dass es nach dem Radarbild mindestens noch eine halbe Stunde dauern wird, bisdie Böe durch ist. Es ist aber schon 16 Uhr und Mitte November.
Es gibt einen Ausweichplatz 20 Minuten weiter nördlich mit einer günstigeren Bahnrichtung. Soll ich? Soll ich noch warten? Während ich abwäge gibt der Turm durch, dass der Wind nachgelassen hat. Also zurück zum Platz für einen weiteren Anflug im Regen. Im Final Wind mit 15 kt wieder ziemlich quer. Im Short Final briest der Wind auf 22 kt auf, aber jetzt von weiter nördlich nur noch 40 Grad von schräg links. Ok, das geht. Die sportliche Landung gelingt gut. Kurz vor Sunset rolle ich vor die Halle und bin glücklich über diesen interessanten Flug.
Im Nachhinein beschäftigt mich allerdings der Gedanke, ob mein Plan B mit dem weiter nördlich gelegenen Platz eigentlich ein Plan oder eine zufällige Chance war. Ehrlich gesagt, hatte ich mit so kritischen Verhältnissen bei meiner Rückkehr nicht gerechnet. Und das Timing für den Flugwar auch eher zufällig so, dass noch ausreichend Zeit vor dem Dunkelwerden gewesen wäre, denn ich hatte die Runde in bekannter Umgebung genüsslich ausgedehnt, ohne an den Zeitbedarf für einen Plan B zu denken.
Der Flug hat Spaß gemacht, ja sogar begeistert. Allerdings auch zum Denken angeregt. Möge jeder eigene Schlüsse daraus ziehen.
Schöne Lektur, vielen Dank!
Und es gibt keine bessere Kritik als Selbstkritik, und keine bessere Befragung als Selbstbefragung.
Allerdings bin ich mir unsicher ob ich meinen Halblangsamflieger (Reise = 160 km/h) bei solchem Wind noch landen könnte/würde. Mit was für′n Flieger warst du unterwegs?
Wenn man sich langsam an die Sache herantastet und die leebedingen Eigenarten des Platzes kennt, dann geht windmässig eine ganze Menge.
Mit 28 kt Wind, der vollcross zur Bahn stand, bin ich mit meiner C-22 schon sicher gelandet. Das anschließende Starten war viel kitzeliger, weil es sich so anfühlte, als ob einer einen den Flugplatz unterm Arsch wegzieht. Windstärken jenseits der 20 kt waren zuvor keine Seltenheit. Bei derartigen Seitenwinden ist es am einfachsten, wenn man in den Wind hineinslippt und so auch beim Aufsetzen die Nase in Bahnrichtung hat. Gleichzeitig hat man damit auch die windzugewandte Fläche unten und es droht kein seitlicher Überschlag.
Bezüglich Sunset ist das auch eine Erfahrungssache und ggf. eine Frage der Flugplatzausrüstung. Wenn dort eine Nachtbefeuerung vorhanden ist verliert die Sache an Schrecken. Deutlich nerviger und gefährlicher ist eine tief stehende Sonne.
Übung und Erfahrung bringt in Grenzsituationen einen klaren Sicherheitsvorteil.
Moin,
also wenn ichs nicht besser wüßte, dann würde ich jetzt glauben das Du mich zitierst.
Ich frage mich jetzt allerdings wie man von EDVK in Richtung Süden aufbricht und dabei über die Weser und HMÜ fliegt.
Bei mir war es damals Sturm, Gewitter und Hagel, hier aus dem Forum saß Jemand mit ner riesigen Fernsehkamera neben mir und obwohl es im Flieger trocken war, war ich nasser als das Äußere meines Fliegers.
Danke für den Bericht. Er regt zum Nachdenken an, ob mir das auch hätte passieren können.
Auch ich finde den Beitrag - gerade zu dieser Jahreszeit - passend.
Meine Gedanken dazu:
Ich finde es interessant, wenn Du über Deine Zweifel schreibst- soll, kann ich starten? Gerade für den Fall, dass der Wind für einen selbst gerade noch vertretbar ist ( die ganze Diskussion um versicherungstechnische Abwägungen will ich gar nicht ansprechen), dann ist es meiner Ansicht nach notwendig, den von Dir angesprochenen Plan B zu haben.
Ich charter ja (leider, wer träumt nicht vom eigenen Flieger), und da gehe ich immer den Weg der Sicherheitsreserve. Heißt, bis zu Wind / Böen Stärke XY fliege ich, darüber hinaus nicht, auch wenn es "weh" tut. Dann eben ein anderes Mal.
Diese Vorgehensweise hat mir schon zweimal sehr geholfen, als nach lokalen Rundflügen der Wind noch einmal zugenommen hat. Nein, keine Horrorstory - ich konnte mit voll durchgeretenem Seitenruder noch in der low wing Methode, die Bahn diagonal nutzen, landen.
Ich denke aber auch ( ich habe keine " im Herbst so, im Sommer soRegelung), dass die Grenze je nach Jahreszeit eine andere für mich ist. Im Herbst und Frühjahr bin ich sicher noch ein wenig vorsichtiger.
Bei all dem bezeichne ich mich aber auch als fortgeschrittener Anfänger...
Bei schönem Wetter gestartet und dann im Nebel hängen geblieben. Hier
Das Wetter ist in dieser Jahreszeit tückisch.
In diesem Fall war leider Plan B zu schwach oder zu spät.
Erfahrung und nochmals Erfahrung. Dann könnte man noch darüber nachdenken sich das eine oder andere unterstützende Instrument einzubauen. Ein "EFIS" kann zum Lebensretter werden, zumindest wenn man damit umgehen kann. Auf alle Fälle macht es die Sache in Verbindung mit einem gut auflösenden Navi enspannter.
Elementar ist das eigene Nervenkostüm, welches durch das vorsichtige Herantasten an Schlechtwetterkonditionen sicherlich deutlich entspannter ist. Landet man das erste Mal urplötzlich in einer Waschküche, dann ist es die eigene Birne, die einen fertig macht. Ich möchte nicht wissen, wie viele aus eigentlich noch sicher fliegbaren Wetterbedingungen herausgefallen sind, weil die Erfahrung fehlte.
Solange man weiß, wo man ist, wo oben und unten ist und die Fahrt im zulässigen Bereich bleibt, fällt man nicht runter.
924driver spricht mir aus der Seele. Auch ich weiß, dass manches Problem mehr im Kopf als in der Außenwelt entsteht. Auch ich denke, dass Erfahrung und vorsichtiges Herantasten Sicherheit bringen und außerdem noch Spaß machen und die fliegerischen Möglichkeiten deutlich erweitern.
Gleichzeitig versuche ich, mir einen wachen Blick dafür zu bewahren, ob gelegentlich die (Selbst)Sicherheit, die sich aus Erfahrung ergibt, zu Leichtsinn wird. Ich beobachte mich dabei, dass ich mit zunehmender Erfahrung Angelegenheiten aus dem Gefühl heraus entscheide, die ich früher zeitaufwändig analysiert und durchdacht hätte. Das spart zwar Zeit, ist aber vielleicht nicht immer gut.
Gruß Techbär
Nach meinem Empfinden sollten radargeführte Anflüge auf Militärflugplätze zum Ausbildungsstandard gehören.
Denn nur so lernt man, wie und wer einen aus ganz tiefer Scheiße wieder herauszieht.
Das blöde an unserem Hobby ist, dass nur im absoluten "Kuschelmodus" bei guten Konditionen ausgebildet und meist auch geflogen wird.
Das "wilde Tier" da oben lebt aber und verändert sich manchmal deutlich schneller als erwartet und vorhergesagt.
Wir sind Piloten (oder wollen es zumindest sein). Also mit allen Dingen und Bedrängnissen mehr oder weniger allein (was auf mich einen großen Reiz ausübt ;-) )
-Wer ist schon einmal ein längeres Stück weit in 200 ft bis zum Flugplatz geflogen?
-Oder hat seinen Flieger mit immer größerer Naviauflösung bis vor die Schwelle geflogen?
-Wer trainiert regelmässig Anflüge bei bockigen Winden, bzw. bei brutalen Crosswinden?
-Wer fliegt bei Schnee und Regen?
-Wer beschäftigt sich intensiver mit Wetterentwicklungen, statt nur den Forecasts zu lauschen?
Die geilste Jahreszeit zum Fliegen kommt erst noch. Sichten ohne Ende, ruhige Luft und eine Performance, die einen glauben lässt, ein komplett neues Flugzeug unterm Hintern zu haben.
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